Der DAX-Aufsteiger Wirecard sorgte in den vergangenen Tagen für Schlagzeilen. Was ist passiert und wie geht es weiter?

Über kaum eine deutsche Aktie wurde zuletzt so viel gesprochen und geschrieben wie über die Wirecard-Aktie. Der Zahlungsabwickler war im zurückliegenden Jahr nicht nur einer der Top-Performer in der deutschen Aktienlandschaft, sondern stieg auch in den deutschen Leitindex DAX auf.

Damit stieg zum ersten Mal ein Unternehmen aus dem Technologie-Index TecDax in den DAX auf. Aufgrund einer Index-Reform ist Wirecard derzeit im DAX und im TecDax vertreten. In den vergangenen eineinhalb Wochen wurde dann aber sogar noch viel mehr über Wirecard berichtet als im Jahr 2018.

Die Ereignisse überschlugen sich förmlich und die Wirecard-Aktie verlor innerhalb weniger Tage in der Spitze beinahe 50% an Wert. Es wurde dabei ein Börsenwert im hohen Milliardenbereich vernichtet. Wie es dazu kam, schauen wir uns nun im Detail an.

Eine Chronologie der Ereignisse

Am 30. Januar berichtete die Online-Ausgabe der renommierten britischen Wirtschaftszeitung Financial Times (FT) über angebliche verdächtige Geschäftspraktiken bei Wirecard. Daraufhin geriet die Wirecard-Aktie deutlich unter Druck.

Nachdem sich der Kurs zwischenzeitlich etwas erholt hatte, legte die FT zwei Tage später nach und berichtete, dass eine von Wirecard beauftragte externe Anwaltskanzlei bei einer Prüfung der Niederlassung in Singapur Belege für schwere Straftaten gefunden habe, die auf Fälschungen in der Rechnungslegung hindeuteten.

Das Ergebnis: Die Wirecard-Aktie sackte abermals deutlich zweistellig ab. Das Unternehmen hatte sich nach den beiden Berichten jeweils schriftlich verteidigt. Am vergangenen Montag folgte schließlich eine ausführliche Stellungnahme von Wirecard.

Die Manipulation von Aktienkursen ist an der Börse alltäglich. So und mit diesen Mitteln wird manipuliert. 

Laut Wirecard äußerte im Vorjahr ein Mitarbeiter in Singapur gegenüber der Rechtsabteilung Bedenken wegen eines möglichen Verstoßes eines Kollegen aus der Finanzabteilung gegen Bilanzierungsregeln. Dieser Vorwurf habe sich, so Wirecard, aber weder in der internen Untersuchung, noch durch die Untersuchung einer externen Anwaltskanzlei bestätigt.

Vielmehr geht Wirecard laut der Stellungnahme davon aus, dass es sich bei dem Vorwurf um die Eskalation eines Streits zwischen zwei Mitarbeitern gehandelt haben könnte. Es folgten weitere kritische Berichte der FT, die den Aktienkurs von Wirecard unter dem Strich weiter einbrechen ließen.

Was Wirecard konkret vorgeworfen wird

Dem Unternehmen wird vorgeworfen, im eigenen Zahlungsabwicklungssystem Millionen-Umsätze generiert zu haben, um quartalsweise steigende Umsatzziele zu erreichen. Die Manipulation soll in Singapur durchgeführt worden sein. Laut FT soll es überdies Mitwisser in der Konzernzentrale in München gegeben haben.

Der für Asien zuständige Finanzchef von Wirecard soll sechs Kollegen in Singapur gezeigt haben, wie man die eigenen Bücher manipulieren könne, um die Behörden in Hongkong davon zu überzeugen, Wirecard eine Lizenz zur Ausgabe von Prepaid-Kreditkarten zu geben, so die FT. Wirecard wies die Vorwürfe zurück und hat mittlerweile sogar Klage gegen die Zeitung eingereicht.

Meine Einschätzung: Abstand halten

Ich rechne nicht damit, dass die Vorwürfe der FT komplett erfunden sind, erwarte aber auch nicht, dass sie eins zu eins stimmen. Die Wahrheit dürfte irgendwo in der Mitte liegen. Wenn jedoch Wirecard die Vorwürfe komplett entkräften kann und es keinen bleibenden Schaden gibt, ist die Wirecard-Aktie auf dem aktuellen Niveau attraktiv bewertet.

Aber: Es könnte auf der anderen Seite auch zu großen Klagen gegen das Unternehmen kommen, die nicht nur die Liquiditätslage von Wirecard erheblich belasten könnten, sondern auch das Ansehen. Daher würde ich einen Bogen um die Aktie machen, bis alle Vorwürfe restlos entkräftet wurden und keine Klagen mehr drohen.

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